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Endlich offiziell: Der Nutri-Score

Der Nutri-Score ist da! Die Lebensmittel-Ampel soll Verbrauchern helfen, auf einen Blick zu erkennen, ob ein Fertigprodukt eine fettige Kalorienbombe oder einigermaßen ausgewogen ist. Die Einführung ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, findet TV-Moderatorin und Hauswirtschaftsmeisterin Yvonne Willicks.

Yvonne Willicks

Ich hoffe, Ihr seid alle gut ins Neue Jahr gekommen. Das alles beherrschende Thema bleibt ja wohl vorerst auch in 2021 die Corona-Pandemie. Obwohl das Virus unseren Alltag und auch die Arbeit der Politik seit Monaten bestimmt, werden aber auch andere politische Entscheidungen und Beschlüsse getroffen, die unser alltägliches Leben betreffen. Aber in der dramatischen Lage, in der wir uns aktuell befinden, gehen diese Themen derzeit einfach unter. Eine dieser in Kraft getretenen Verordnungen, die zu einem anderen Zeitpunkt deutlich mehr Relevanz und mehr Platz in den Medien gefunden hätte, ist die offizielle Einführung des Logos Nutri-Score im November 2020.

Der Nutri-Score – Lebensmittelampel für einfachen Überblick

Der Nutri-Score ist eine zusätzliche Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite von Lebensmittelverpackungen, die anhand der Farben dunkelgrün, hellgrün, gelb, orange und rot eine einfache Orientierung über die Qualität des Produkts geben soll. Verbraucher sollen auf den ersten Blick erkennen, ob das Lebensmittel zu einer ausgewogenen Ernährung beiträgt oder nicht.

Zum Thema Nutri-Score hatte ich bereits einmal was geschrieben. Das findet Ihr hier:

https://www.yvonnewillicks.de/2019/05/10/die-lebensmittelampel-kommt-danone-und-iglo-setzen-auf-nutri-score/

Die Farbskala reicht von dunkelgrün (günstige Nährstoffzusammensetzung) bis rot (wenig günstige Zusammensetzung). Dafür werden der Energiegehalt und ernährungsphysiologisch positiven (Anteil an Obst, Gemüse und Nüssen, Ballaststoffe, Proteine) und negativen Nährstoffe (Zucker, gesättigte Fettsäuren, Salz) miteinander verrechnet. Daraus ergibt sich eine Gesamtbewertung von A (dunkelgrün) bis E (rot).

Lebensmittel-Ampel bringt Klarheit im Supermarktregal

Seit Herbst prangt das Logo nun offiziell auf immer mehr Lebensmitteln in deutschen Supermarktregalen. Das ist ein großer Fortschritt, denn anhand der fünf Farben lässt sich schnell erkennen, ob ein Lebensmittel eher gesund ist oder doch eher eine leere Kalorienbombe ist. Außerdem lassen sich Produkte innerhalb einer Produktgruppe schnell und einfach vergleichen. Etwa Salamipizza mit orangenem D und Gemüsepizza mit gelbem C oder Schokopudding mit orangenem D und Fruchtjogurt mit gelbem B.

Nutri-Score – Gut sichtbar platziert auf der Vorderseite

Jahrelang war über eine zusätzliche Kennzeichnung von Lebensmitteln gestritten worden. Denn die in der EU verpflichtende Nährwerttabelle mit den genauen Angaben zu Kalorien, Fett, Zucker und Co. wird von Herstellern gerne meist kleingedruckt auf der Rückseite oder sogar in Laschen von Produktverpackungen versteckt. Gegen eine prominent platzierte Lebensmittelampel, die Produkte in gesund und ungesund einteilt, wehrte sich die Lebensmittelbranche jahrzehntelang vehement. Auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) war kein Fan davon. 2019 ließ sie dennoch vier Kennzeichnungs-Modelle per Verbraucherumfrage testen. Aus der repräsentativen Studie ging das französische Modell Nutri-Score als Sieger hervor. 57 Prozent der Testpersonen fanden es besser als die drei anderen Modelle. Das Label sei intuitiv und leicht verständlich. (Quelle: http://www.bmel.de)

Langer Weg zur Lebensmittelampel

Verbraucherverbände unterstützen die Einführung der Ampel – als Schritt in die richtige Richtung. Die Ampelfarben helfen dabei, gesündere Produkte auszuwählen, findet der Verbraucherzentrale Bundesverband. Foodwatch fordert aber weitere gesetzliche Regulierungen. Mehrere große Lebensmittelhersteller nutzen das Logo bereits. Allen voran Danone und Iglo, mit dabei auch Alpro, Bofrost, Bonduelle, Mestemacher und Nestlé. Viele weitere wollen folgen. Bereits Anfang Oktober hatten sich 56 Unternehmen für die neue Kennzeichnung registrieren lassen. Und das, obwohl die Firmen nicht nur ihre „Vorzeigeprodukte“ dafür auswählen können. Hersteller dürfen Nutri-Score nur dann nutzen, wenn binnen zwei Jahren alle Produkte damit gekennzeichnet werden. Bei mehr als 2000 Produkten im Sortiment, müssen es 80 Prozent sein und nach drei Jahren alle.

EU-weite Einführung des Nutri-Scores ist schwierig

Beim letzten Treffen der europäischen Agrarminister hatte Julia Klöckner sogar die Einführung des Nutri-Scores als verpflichtendes Logo für die gesamte EU vorgeschlagen, damit aber auf Granit gebissen. Die EU-Kommission hat das Thema Nutri-Score nun auf seine Agenda genommen. Bereits genutzt wird das Label in Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal, der Schweiz und Luxemburg.

Nutri-Score – nur sinnvoll für stark verarbeitete Lebensmittel

Besonders skeptisch zeigte sich Italien. Man dürfe Produkte nicht einzeln betrachten, kritisierte die italienische Landwirtschaftsministerin Teresa Bellanova. Olivenöl oder Parmaschinken zum Beispiel würden beim Nutri-Score zu schlecht abschneiden. Und Recht hat sie damit, das findet auch die Verbraucherzentrale. Für unverarbeitete Produkte oder Produkte, die nur aus einer Zutat bestehen (wie Öl, frisches Obst, Gemüse oder Honig), ist der Nutri-Score nicht sinnvoll. Die höchstmögliche Bewertung für wertvolle Speiseöle wie Oliven-, Raps- und Walnussöl etwa ist ein gelbes C. Die höchstmögliche Bewertung für Käse liegt aufgrund seines Salz- und Fettgehalts nur bei D.

Das große Manko: Nutri-Score ist freiwillig

Und nun kommt das ganz große Aber: Der Nutri-Score ist freiwillig. Das heißt, Unternehmen, die ihr Geschäft mit Dickmachern und Kalorienbomben machen, brauchen die Kennzeichnung nicht auf ihre Produkte zu drucken. Klöckner befürwortet zwar mittlerweile eine Pflichtkennzeichnung, aber da diese auf EU-Ebene nicht in Sicht ist, bleibt derzeit nur eine nationale Lösung. Nach Europarecht ist eine verpflichtende Kennzeichnung auf nationaler Ebene aber gar nicht möglich. Somit kann die Einführung nur freiwillig erfolgen. Verbraucherverbände fordern deshalb in einem weiteren Schritt eine europaweite, flächendeckende und bestenfalls verpflichtende Kennzeichnung.

Hersteller werden durch Offenlegung zu Rezeptänderungen gedrängt

Trotz der Freiwilligkeit, hofft die Politik auf starke Impulse. Neben einer besseren Orientierung beim Einkauf sollen Verbraucher mittelfristig auch bessere Produkte erhalten. Denn die Offenlegung der Nährwertzusammensetzung wird – so die Hoffnung – Hersteller motivieren, ihre Produkte gesünder zu machen. So wie die bei PepsiCo. Der Lebensmittel- und Getränke-Konzern hat sich das Ziel auferlegt, weniger Zucker, Fett und Salz in seinen Produkten zu verwenden. Mit der Umstellung wird auch der Nutri-Score eingeführt. “Das Label zwingt die Industrie, ihre Rezepte zu überarbeiten”, ist Silviu Popovici, CEO Europa von PepsiCo, im Gespräch mit dem Handelsblatt überzeugt.

Druck auf Industrie durch freiwillige Kennzeichnung

Und: Je mehr Hersteller den Nutri-Score verwenden, desto mehr wächst der Druck auf Mitbewerber, das Logo ebenfalls einzuführen. Die Beratungsfirma PWC Deutschland geht davon aus, dass bald Produkte ohne Nutri-Score von Verbrauchern automatisch mit einer roten Ampel gleichgesetzt und liegen gelassen werden. In Frankreich, wo der Nutri-Score schon 2016 einführt wurde, zeigt sich, dass Franzosen öfter zu gesünderen Lebensmittel greifen. Und auch die Firma Iglo, die ihre Produkte auf dem französischen Markt schon lange mit dem Nutri-Score kennzeichnet, bestätigt, dass Produkte mit einer A-Bewertung häufiger gekauft werden.

Eure Yvonne